Andranik Ghalustians_Sammlung01

in-ga.me hatte die Möglichkeit, Andranik Ghalustians (in weiterer Folge kurz “Nik“) zu besuchen und einen Rundgang durch seine einzigartige Videospiel-Sammlung zu machen. Das Einzigartige an seiner Sammlung ist, dass sie so breit gefächert ist. Nik meint, eine Sammlung in dieser Konstellation gibt es weltweit nur ein Mal – und das glauben wir gerne!

Doch warum hat Nik eigentlich mit dem Sammeln begonnen, seit wann macht er das und überhaupt? Nik beantwortet unsere Fragen wie folgt:

Auflagen für die Sammlung gibt es bei mir nicht. Viele beschränken sich zum Beispiel ausschließlich auf Arcadespiele, bestimmte Genres, Titel von bestimmten Herstellern oder Konsolenplattformen. Diese Limitierungen kannte ich beim Aufbau meiner Sammlung nicht. Das Herzstück meiner Sammlung sind Arcade-Automaten, aber ich sammle genau so Konsolen, Heimcomputer und die dazugehörigen Spiele, Handhelds, Bücher, Zeitschriften, Merchandise, Tabletops, Brettspiele, die einen Bezug zu Video- oder Computerspielen aufweisen und vieles mehr – mittlerweile seit über 15 Jahren. Insgesamt befinden sich derzeit über 15.000 Gegenstände in der Sammlung. Mich interessiert die ganze Szene von Anfang an, also bereits seit den späten 70er Jahren. Selbst elektromechanische Geräte und die Vorform der Arcadeautomaten, die Flipper, weckten mein Interesse. Ich bin aber nicht nur Sammler, sondern auch Spieler. Die Crux dabei ist, dass man nie alle Spiele, die je erschienen sind, anspielen kann, weil es schlicht zu viele sind; ja, selbst alle Spiele, die sich in meiner umfangreichen Sammlung befinden, werde ich nie anspielen können. In der Zeit vor dem Sammeln galt es, Möglichkeiten zu finden immer auf dem aktuellen Stand in Sachen elektronischer Unterhaltung zu bleiben. Die Hard- und Software war ja nie besonders günstig und insbesondere Neuerscheinungen rissen ein tiefes Loch in die Geldtasche. So tauschte man schnell durchspielbare Spiele recht rasch um und behielt sich nur langzeitmotivierende Multiplayertitel wie Street Fighter 2, Super Mario Kart oder auch Kick Off. Erschien eine neue Konsolen- oder Heimcomputerplattform, so musste die ältere Generation weichen. Ausschlaggebend waren vorrangig finanzielle Gründe sowie Platzprobleme aber natürlich auch der Umstand, dass in den 80er und frühen 90er Jahren niemand auf die Idee gekommen wäre, einem alten Spiel eine größere Bedeutung zuzumessen. Den Begriff des Retrospielens gab es nicht und niemand wäre zur Zeit des SNES auf die Idee gekommen, freiwillig seinen Spektrum 48k, sein Atari 2600 hervorzukramen und eine Spielesession einzuberaumen.

Meine erste Konfrontation mit einem Konsolenspiel war auf einem G7000 bei Bekannten. Meine eigene erste Konsole war eine Pongkonsole von Intel. Danach hielt recht rasch das Atari 2600 Einzug ins Wohnzimmer und sorgte monatelang für eine Beschlagnahme des elterlichen Fernsehapparates. Ich habe dann Jahre später genau damit angefangen, mir diese Konsolen wieder zu besorgen: Genauer gesagt war der Einkauf eines Amiga 500 auf einem örtlichen Flohmarkt in sonntäglichen Morgenstunden der Startschuss zur Sammelleidenschaft. Und es sollte nicht nur beim Amiga bleiben. Nach und nach erwarb ich wieder all die Konsolen und Heimcomputer die ich in meiner Kindheit und Jugendzeit besaß. Dann kamen Konsolen, die ich nie hatte, wie das NES oder das Master System dazu und die Sammlung wuchs weiter an. Waren es zuerst Gerätschaften und Spiele, die ich früher besessen hatte und mit diesen wunderbare Erinnerungen verband, kamen im Laufe der Zeit immer mehr Systeme dazu, die ich verabsäumte hatte. Statt bloß dem nostalgischen Gefühl nachzugeben und alte Erinnerungen aufzufrischen galt es nun auf Entdeckungsfahrt zu gehen und das schier unendlich große Meer an Spieletiteln zu erforschen.

Das Internet gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, und so waren die sorgsam gehüteten alten Video- und Computerspielzeitschriften – wie die legendäre Happy Computer, das Power Play, der Amiga Joker und das ASM – die einzigen Informationsquellen. Man verschaffte sich so einen Überblick über den Fundus an Hard- und Software. Einkaufsmöglichkeiten boten damals die Flohmärkte, aber auch Kleinanzeigenzeitschriften wie der “Wiener Bazar”. Eine Sammlerszene gab es überhaupt noch nicht und selbstverständlich auch nicht so etwas wie Retrobörsen. Mit der Zeit vernetzten sich die Sammler vor allem durch die Möglichkeiten der elektronischen Kommunikation (E-Mail, Foren, Webseiten). Durch das WWW erfuhr die Sammeltätigkeit einen immensen Schub. Nun war es leicht möglich, international Kontakte zu Verkäufern und Tauschpartnern herzustellen. Ebay trat auf den Plan und schon fand man sich mitten in einer globalisierten Welt wieder. Insbesondere die Arcadesammelleidenschaft wäre ohne das Internet nahezu undenkbar gewesen. Man darf nicht vergessen, dass bis in die späten 90er Jahre viele Spielhallenautomatentitel in Europa völlig unbekannt waren. Viele Automaten schafften nie den Weg aus Japan in die westliche Welt. Hier sind es vor allem die zahlreichen Top Shmups von Raizing, Cave, Seibu Kaihatsu, Toaplan, aber auch von Konami und Capcom, die man hierzulande noch nie zu Gesicht bekommen hat. Ketsui, Guwange, Sorcerer Striker, Dimahoo, Storm of Progear, Dodonpachi, Psyvaria, Homura, Dragon Blaze, Border Down, Shikigami No Shiro, Raiden Fighters Jet, Batrider, Battle Garrega, Radiant Silvergun, Ikaruga usw. usw. wird westlichen Spielern so gut wie gar nichts sagen. Auch für mich waren all diese Spiele völliges Neuland und man war über die kleinsten Informationsschnipsel überglücklich. Durch das Internet war es mir auch möglich, direkt Kontakt zu Händlern in Japan herzustellen, um all diese grandiosen Spiele importieren zu können.

Die Zeit der Arcade-Entdeckung war für mich die schönste Zeit! Mein erstes Automatenspiel war damals Gun Fight von Midway, das ich mit meinem Großvater im Wurschtel-Prater gespielt habe. Das war sozusagen mein Einstieg in diese Szene. Als Kind hab ich eigentlich meistens nur zugesehen und weniger selber gespielt. Allein das Betreten der Spielhalle und das “sich aufhalten” inmitten der Dutzenden Automaten war Unterhaltung genug für mich. Erst als Jugendlicher habe ich dann angefangen, richtig zu spielen – aber auch nicht sehr viel. Das Flair und die Atmosphäre in den Spielhallen haben mir aber immer sehr gut gefallen. Als ich dann Jahre später damit angefangen habe, Arcades zu sammeln, war das eine sehr spannende Erkundungsreise. Ich habe Spiele entdeckt, die niemand kannte und mich gefühlt wie Kolumbus, der die Arcades erkundet. Ich betrat damals völliges Neuland. Natürlich galt es auch, die Technik verstehen zu lernen, damit man selbst die Platinen tauschen und reparieren kann, bzw. gilt es bei der Inbetriebnahme viele Aspekte zu berücksichtigen, die für einen normalen Spielekonsumenten völlig irrelevant sind. So gibt es Spiele, die nicht mit den üblichen 15 kHz Monitoren laufen, sondern nur mit 24 kHz oder 31 kHz Monitoren. Die Spannungsversorgung ist bei einigen Platinen auch eine etwas diffizile Angelegenheit (die Spannung muss dann exakt auf einen bestimmten Wert z.B. 5,2 Volt mittels Multimeter eingestellt werden), Adapter müssen angefertigt werden usw. Heute ist alles dokumentiert und es gibt nichts mehr – oder kaum etwas – Neues zu entdecken. In diesen Bereich einzudringen – quasi hinter die Kulissen zu blicken –, in den man als Konsument eigentlich nicht sollte, weil man ja nur in die Halle gehen und Geld reinwerfen sollte, fand ich so extrem spannend. Und genau so spannend finde ich, dass man das Original des Spiels vor sich hat und nicht irgendwelche Portierungen für Konsolen oder Heimcomputer. Diese Kombination macht den Reiz für mich aus! Außerdem ist die Vielfalt bei Arcade ungeschlagen: Das Angebot an Toptiteln beträgt mehrere hundert Spiele. Für einzelne Konsolenplattformen sind Ausnahmetitel rar gesät und überschreiten die Anzahl von 20 Spielen nur sehr selten.

in-ga.me: Und was befindet sich in deiner Arcade-Sammlung und siehst du das auch als Wertanlage?

Zehn komplette Automaten und über 500 Platinen. Ich war einer der ersten, die nur die Platinen gesammelt haben. Das ist auch leicht verständlich, da ich mich vor allem auf die späten 80er und frühen 90er Jahre konzentriert habe. In dieser Zeit kamen ausschließlich jammakompatible Platinen auf den Markt, die ohne dedicated Cab auskamen und stattdessen für Universalcabs konzipiert waren. Vor allem im Bereich Shmups fehlt so gut wie kein wichtiger Titel. Von Klassikern wie Phoenix, Galaga, Galaxian, Space Invaders über die Dekade der späten 80er Jahre mit Tophits wie R Type und Raiden bis hin zu den unzähligen Tophits der 90er Jahre, die ich jetzt gar nicht erst anfange aufzuzählen, sonst stürzt die Homepage noch ab. Daneben interssiert mich vor allem auch das seitlich scrollende Genre mit Spitzentiteln von Konami, Sega, Capcom aber auch IGS. Hierunter fallen Spiele wie: Final Fight, Teenage Mutant Ninja Turtles, Vendetta, Caddilacs and Dinosaurs, The Punisher, Alien vs Predator, D+D Shadow over Mystara, Nightslashers, Golden Axe 2: The Revenge of Death Adder usw.

Die Platinen sehe ich weniger als Wertanlage und schon gar nicht als Spekulationsobjekt. Ich traf Kaufentscheidungen auch meist nach meinem völlig subjektiven Wertempfinden. War mir ein Spiel einen bestimmten Preis persönlich wert und war ich bereit den marktüblichen Preis zu bezahlen, habe ich es mir zugelegt. Ein Schielen auf irgendwelche Preisschwankungen oder eine Überlegung nach dem Motto ‘heute billig einkaufen, morgen teuer verkaufen’ spielte hierbei überhaupt keine Rolle.”

Was noch wichtig zu erwähnen ist: Prinzipiell laufen alle Geräte in Niks Sammlung. “Langfristig allerdings werden Kassetten und Disks nicht mehr funktionieren. Da muss man sich mit Digitalisierung und Emulation helfen”, so Nik.

Natürlich haben wir Nik auch nach seinen Lieblingsstücken der Sammlung gefragt. Seine persönlichen Top 10 wollten wir wissen und Nik meinte: “Ich probier es einmal”. Klar, es ist wohl schwierig aus über 15.000 Gegenständen nur zehn auszuwählen.

  1. Sharp X68000 Rechner mit den dazugehörigen Spieletiteln: Gradius 90 Kai und Castlevania. Hier kommt japanische Videospielkunst wohl perfekt zur Geltung. Das Aufeinandertreffen brillianter 16 Bit Computertechnik, in einem edlen, ganz in pechschwarz gehaltenen Gehäuse auf der einen Seite und zwei der wohl brillantesten exklusiv für den Sharp X68000 entworfenen Spiele der Kultfirma Konami. Da wird selbst ein Toprechner wie der Amiga blass vor Neid.
  2. Die 6 Steel Battalion Versionen mit dazugehörigen Xboxen für die wohl irrste Mechsimulations-Linksession, die man sich vorstellen kann.
  3. Der PC DOS Rechnerfuhrpark bestehend aus XT, zwei 386er, zwei 486er und zwei Pentium Rechnern und einem dazupassenden umfangreichen Fundus an Soundkarten, die so gut wie alle Standards abdecken (Adlib, Soundblaster Pro / 16, Gravis Ultrasound, Roland Mt 32 und Roland Sound Canvas), um wirklich jedes DOS-Spiel perfekt mit Originalhardware und in Originalgeschwindigkeit abspielen zu können.
  4. Das Philips G7200 und dazupassend das Spiel Demon Attack. Retrospielspaß in Vollendung. Optisch ist das G7200 ein wahres Schmuckstück und der Oldieshooter von Imagic ist in jeder Konsolenfassung ein spielerischer Traum.
  5. Die Universalautomaten bestehend aus zwei japanischen New Astro City Cabs und zwei europäischen Naomi Universalcabs, um die gesamte Palette an Arcadegames aus den frühen 80er Jahren bis hin ins 21. Jhdt. abspielen zu können. Von Space Invaders bis zu Aikatana. Das Herzstück der Sammlung (die 500 orginal Arcadeplatinen) lassen keine Wünsche in den Genres Shmup, Beat Em Up, One on One Beat em Up, Run and Gun, Jump and Run und Arcadeklassiker (wie Pacman) offen.
  6. Der Commodore SX 64. Neben dem goldenen C64 (den ich leider noch nicht besitze) der wohl imposanteste Commodore 64. Er fungiert bei mir nicht als reines Vitrinenstück, sondern er kommt regelmäßig bei Retrosessions zum Einsatz. Da er zum Glück auch serienmässig über einen RGB Anschluß verfügt, schließe ich ihn bei solchen Spielrunden an einen externen 29 Hantarex RGB Monitor an, um ein genügend großes Bild für die Besucher bieten zu können.
  7. Die Vectrexkonsole von MB, weil sie durch die einmalige Vektorgrafikmonitortechnik komplett aus der Masse der 80er Jahre Konsolen hervorsticht. Sie bringt auch das Arcadefeeling von allen früheren Konsolen am besten herüber.
  8. Der Sega Joypad Sessel. Zwar kaum wirklich zum Spielen verwendbar, aber ein verdammt cooles (Stahlrohrkonstruktion) Gerät, welches außerdem auch extrem selten ist.
  9. Das Ion Drumset für Rockband. Weil es nahezu authentisches Drumfeeling vermitteln kann und mir die gigantisch große und faszinierende Welt des Musizierens auf spielerische Art und Weise näher gebracht hat.
  10. Eigentlich die gesamte Sammlung, die aufgrund der gigantischen Größe immer wieder aufs neue eine Entdeckungsreise bietet und Garant für lebenslangen Spielspaß (in Prozentwerten 100%) darstellt.

Und weil Bilder bekanntlich mehr sagen als 1.000 Worte, haben wir einige Eindrücke aus der beachtlichen Sammlung von Nik in einer Bilder-Galerie zusammengestellt.